Die Einflüsse von Covid-19 auf das Umfeld der Haecksen

von @melzai_a, @joliyea, buecherwurm

Covid-19 hat seit März 2020 das Leben auf der Welt und in Deutschland stark verändert. Rund um Ostern wurde der Peak der erste Corona-Welle in Deutschland erwartet und erfolgreiche Behandlungsmethoden waren noch sehr unklar. Veranstaltungen waren abgesagt. Treffen nicht möglich, Spielplätze gesperrt, Ländergrenzen nur beschränkt geöffnet. Es arbeiteten nur etwa 60 Prozent der Beschäftigten an ihrem Arbeitsplatz, rund 10 Prozent waren in Kurzarbeit und 25 Prozent vollständig im Home Office.
Die Pandemie fordert von den Menschen im Gesundheitswesen und anderen Berufsgruppen hohe Einsatzbereitschaft.
Frauen stellen weltweit 70 Prozent der im Pflegebereich Tätigen. Sie sind außerdem die von partnerschaftlicher und häuslicher Gewalt am stärksten betroffene Gruppe und leisten die meiste Arbeit in Haushalten und bei der Kindererziehung. Wie genau aber einzelne Gruppen in der Bevölkerung betroffen sind, lässt sich pauschal nicht beantworten. Denn in der Krise wirkt ein Mechanismus, der typisch ist für die Bildung von Ungleichheit: Verschiedene Vor- und Nachteile verstärken sich.

Um uns einen Überblick über die Lebenssituation der von uns erreichbaren Gruppen während der ersten Phase des Lockdowns zu verschaffen, haben wir Haecksen das divoc “Hidden Service” über die Ostertage im letzten Jahr zum Anlass genommen, vom 10. bis zum 25. April 2020 einen kurzen Fragebogen online zu stellen.

Wir erhielten Antworten von 82 Personen, von denen sich 29 Prozent im Begriff “Mann” und 63 Prozent im Begriff “Frau” wiederfinden können, wobei die Auswahl von beiden oder keiner Option ebenfalls möglich war. 31 Prozent der Teilnehmenden haben außerdem angegeben, dass sie zu einer marginalisierten Gruppe gehören – beispielsweise aufgrund von Bisexualität, Autismus, Transidentität, chronischen Krankheiten sowie verschiedenen Formen von Behinderung. Außerdem füllten 16 Personen mit mindestens einer intensiv zu betreuenden Person, wie zum Beispiel Kleinkindern, den Fragebogen aus. Die Berufe der Personen, ob bezahlt oder unbezahlt, reichen von einer auszubildenden Person über Studierende zu Beamt*innen, Selbstständigen, Leiharbeiter*innen, Menschen in Elternzeit bis hin zur Familienmanagerin. Die genaueren Ergebnisse könnt ihr nun in der Datenschleuder oder hier als PDF nachlesen.

Als besonders hervorzuhebenen Punkt sehen wir die Situation der Menschen aus marginalisierten Gruppen. Nach unserer Umfrage steht diese Gruppe finanziell am schlechtesten da. Nur 54 Prozent besitzen Reserven für die nächsten 6 Monate, wohingegen 81 Prozent der Menschen, die z. B. Kleinkinder betreuen, finanziell das nächste halbe Jahr abgesichert sind.

Auch explizit erwähnen möchten wir die politischen Forderungen der befragten Personen. Ein Drittel der Befragten nannte das bedingungslose Grundeinkommen sowie eine angemessene Bezahlung der sozialen Berufe als dringend notwendig. Viele beunruhigt zudem, dass im Zuge der Pandemie die Privatsphäre der Menschen bedroht sein könnte, und sie kritisieren dabei zum Beispiel die mangelhafte, den Datenschutz nur unzureichend erfüllende Digitalisierung in den Schulen. Als letzte Forderung wurden mehrfach die immer noch notwendigen starken Veränderungen zum Eindämmen des Klimawandels genannt. Covid-19 habe gezeigt, dass große, einschneidende Veränderungen möglich sind.

Machen wir uns auf den Weg!

Das Projekt Feministische Bibliothek der Haecksen

2019 debütierte die feministische Bibliothek der Haecksen auf dem Chaos Communication Camp und wurde wegen der positiven Resonanz erneut auf dem Congress angeboten. Entstanden ist sie, da im Rahmen von gesamtgesellschaftlichen Debatten wie #MeToo und #MeTwo eine ganze Reihe von hervorragenden Büchern erschienen ist, die wir nun als Grundlage für Weiterbildung und fundierte Diskussionen nehmen können.


Drei Gründe sprechen hierbei für Bücher:

  1. Bücher tendieren dazu, sich mit einem Thema tiefergehend und ohne Unterbrechung zu beschäftigen.
  2. Grundlagenwissen ist sehr wichtig, um sich fundiert mit feministischen Themen beschäftigen zu können. Dessen Tiefe ist aber von Person zu Person sehr unterschiedlich: Wir alle haben sowohl Lieblingsthemen als auch inhaltliche Bereiche, die wir bisher eher vernachlässigt haben. Bücher erlauben es uns, ohne Scham Anfänger*innen zu sein – uns Grundlagen anzueignen, bevor wir in kontroverse Diskussionen einsteigen. So können wir uns beim Diskutieren auf die aktuellen, kontroversen Aspekte fokussieren, anstatt immer wieder die Basics zu erläutern. Und wir können Menschen trotzdem immer noch leicht die Möglichkeit zum einfachen Einstieg geben.
  3. Die Bibliothek wird auf jeder Veranstaltung neu zusammengestellt, indem Teilnehmer*innen und Haecksen eigene Bücher als Leihgabe beitragen. Dadurch ist die Bibliothek jedes Mal eine neue, einzigartige Zusammenstellung von Büchern und damit vergänglich sowie immer maximal aktuell (Zeitgeist, Erkenntnislage, Themenbrisanz).


Erste Erfolge: Ein Ort zum Schmökern und Verweilen

Sowohl die Bibliothek an sich als auch die Begleitworkshops (Genaueres siehe unten) wurden sehr positiv aufgenommen und haben sich super mit unserem feuerlosen Haecksen-Lagerfeuer ergänzt: Beim Camp wie auch beim Congress saßen immer wieder schmökernde Menschen am Lagerfeuer. Viele Titel wurden auch fotografiert und füllen nun die Leselisten der Camp- und Congress-Teilnehmer*innen. Über die Lagerfeuerplätze hinaus waren auch alle bibliotheksspezifisch bereitgestellten Sitzgelegenheiten fast durchgehend belegt (10 bzw. 30 auf dem Congress) mit bücherlesenden Menschen. Der Workshop zum Teilen von feministischen Büchern und Medien wurde vor allem von den Besucher*innen mit Inhalten gefüllt; die Themen reichten von feministischen Grundkonzepten über Burnout bei Müttern bis zu Schnittmengen von Feminismus mit Diskriminierungsformen wie Rassismus.


Die feministische Haecksen-Bibliothek geht überall und immer

Wäre es nicht schön, wenn es die Bibliothek auf noch viel mehr (Chaos-)Veranstaltungen gäbe? Finden wir auch!

Die physische Bibliothek

Ihr benötigt:

  • einen Bereich oder ein Regal, in dem Bücher ansprechend und übersichtlich aufgestellt werden können
  • eine Aufteilung in thematische Bereiche bietet sich an 
  • Sitzmöglichkeiten in der unmittelbaren Umgebung des Bücherregals/-bereichs
  • ein Schild mit einer Botschaft im ungefähren Wortlaut: „Bücher zum Lesen, bitte spätestens zum Ende der Veranstaltung wieder zurückbringen“
  • Bücher von Menschen auf der Veranstaltung als Leihgaben (falls gewollt sollen die Eigentümer*innen die Bücher mit ihren Namen beschriften, damit die Rückgabe einfacher ist)
  • einen klar markierten Bereich des Regals, in dem Bücher deponiert werden, die von einigen als problematisch bewertet wurden (misogyn, rassistisch, …) 

Zum Umgang mit schwieriger sowie mit klar problematischer Literatur:

Bereits im Vorhinein sollte klar abgesprochen werden, wie im Rahmen der feministischen Bibliothek damit umgegangen wird, wenn klar problematische Literatur auftaucht (z. B. Schriften gegen Sexarbeit, rassistische Schriften oder Schriften, die das binäre Gendermodell als die Wahrheit propagieren) – was durch die freie Beteiligung durchaus vorkommen kann. Derartige Bücher können z. B. von der Person, die sie entdeckt hat, direkt in den als problematisch beschrifteten Regalbereich sortiert werden. Auch den Besucher*innen der Bibliothek solltet ihr  dies mitteilen, beispielsweise in Form eines Aushangs, damit sie mithelfen können.

Befreit das Wissen aus dem Papier: Workshops rund um die Bücher

Die bisherigen Workshops richteten sich an alle Veranstaltungsteilnehmer*innen, wurden aber als FNIT-exklusiv wahrgenommen und deshalb auch nur von Frauen*, non-binaries, inter und trans Personen besucht. Unsere Hoffnung ist, dass in Zukunft auch andere sich trauen, bei den Workshops vorbeizuschauen, um sich aktiv weiterzubilden.

Ihr benötigt:

  • einen akustisch geeigneten Ort für den Workshop; am besten einen Raum mit Wänden und evtl. einer Tür
  • Platz für ca. 20 Teilnehmer*innen
  • eine moderierende Person* Bücher für ein Warm-up, ausgewählt von der moderierenden Person* Bücher zur Vorstellung, ausgewählt von den Teilnehmenden: Sachbücher, Biografien, Belletristik, Gedichtbände, Bildbände, Graphic Novels, Comics, Kinderbücher,… Alle Arten von Büchern sind erwünscht
  • Je nach Lust könnt ihr den Workshop auch für andere Medien öffnen (z. B. Filme, Computerspiele, Podcasts)
  • am besten noch eine protokollierende Person

.. und dann werden munter Bücher geteilt, davon geschwärmt, diskutiert.